Matthäus stand auf und bewirtete sie

Predigt vom 7. Juni 2026; Hos 6,3-6; Mt 9,9-13
Einleitung: Liebe Jesus-Nachfolgende, je älter ich werde, je vertrauter mir die Bibel wird, desto überraschender wird mir das Leben von Jesus von Nazareth, je mehr fallen mir Feinheiten in der Bibel auf. Nicht nur Sänger wie Stiller Has, sondern auch die Evangelien lassen mich öfters die Stirne runzeln. Und dann muss ich ein zweites Mal hinhören, hinsehen und stelle fest: Spannend! Diese Wendung hätte ich nicht erwartet!
Hören wir das Lied
Tequila Hallelujah von Endo Anaconda, alias Stiller Has.
… mir hei zäme zwöi herrgöttli gnoh; u die halbi stadt yglade … u d lüt hei afa bätte … är het über alles wölle rede … är het üs üsi sünde glost …
Und viel mehr. Aber war das der falsche Jesus? Vielleicht doch der Richtige? Jesus Christus. Im heutigen Evangelium hören wir, dass Jesus von Nazareth einen Menschen zur Nachfolge einlädt und als Folge davon mit seiner ganzen Anhängerschar beim Neu-Berufenen beim Essen sitzt. Nachfolge hätte ich mir anders vorgestellt als Kochen für Jesus und Co.! Merken wir uns also, lerne kochen, wenn du berufen werden möchtest! Ansonsten könntest du eines Tages alt aussehen!? Lieber Endo Anaconda, vielleicht war der richtige Jesus bei dir zu Gast?
Lied 208 formuliert was ich, was wir vielleicht von Jesus Christus erwarten. Lesung und Evangelium werden uns in unserem Gottes-, ja Jesus-Bild verwirren und staunen lassen. Wir dürfen stets genau hinhören, hinsehen, staunen und uns betreffen lassen.
Predigt: Liebe Jesus-Nachfolger, Nachfolgerinnen
Unser Tages-Evangelium (Mt 9,9-19) hat drei inhaltliche Teile, die aufeinander hin komponiert wurden – und jeder Abschnitt lässt mich die Stirne runzeln. Fangen wir bei der gehörten Perikope von hinten her mit Lesen an. Wir sollen lernen: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder. Inhaltlich passt das zum Zöllner. Wenn ich aber die Vorschriften der Kapuziner und der Bistümer anschaue, dann werden da Assessments und psychologische Abklärungen gemacht. Gute und Gerechte werden gesucht. Auch Fromme. Ein Zöllner und Sünder würde nicht Kapuziner und fände in den Pfarreien keine Arbeit. Vorletzte Woche war ich an einem nordeuropäischen Ausbildner-Treffen der Kapuziner in Nordirland. Ordens-Kandidaten werden heute auf Herz und Nieren geprüft und gebildet. Ältere Brüder hörte ich sagen: Heute nähmen die Kapuziner mich nicht mehr als Bruder oder als Priester auf. Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Sünder zu rufen bin ich gekommen. Würde Jesus heute andere Menschen berufen, als wir sie heute suchen und zulassen? Oder bin auch ich einfach ein berufener Sünder?
Punkt zwei von hinten her gelesen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Das ist klar. Kein Zweifel. Doch ist ein Zöllner, ein Hals-Abschneider, ein Helfer der Unterdrücker, ein betrügerischer Geld-Eintreiber einfach krank oder nicht schlicht ein Verbrecher, ein Egoist, modern ausgedrückt ein Narzisst? Wenn eine mit dem Auto mit hundert Stundenkilometer durchs Wesemlin-Quartier donnert, dann sagen wir zwar, die ist krank. Aber primär ist sie eine Rechtsbrecherin. Brauchen nun Rechtsbrecher den Richter, die Polizei oder den Arzt? Im Normalfall wäre mir eine gerechte Busse lieber – und jemand, der mit Hundert durchs Quartier brettert gibt hoffentlich den Führerausweis ab. Und mein Gerechtigkeitsempfinden würde Rechtsbrecher und ungerechte Menschen an ihrem unfairen Tun hindern, krank hin oder her. Auch Opfer haben Rechte und sollen gesehen werden. Okay, vielleicht bin ich schon auch ein Gutmensch und sehe die menschlichen Nöte und Prägungen hinter Verbrechern, Missbrauchern und Vergewaltigern. Aber Gerechtigkeit muss zumindest politisch und rechtlich erstritten und eingefordert werden. Doch zweifellos, kranke Menschen haben ein Anrecht auf den Arzt. Keine Frage.
Jetzt zum ersten Teil unserer heutigen Perikope. Jesus und seine Jünger lassen sich von Zöllnern, Sündern und Halsabschneidern verwöhnen. Die Pharisäer fragen: Wie kann Jesus mit Sündern und Zöllnern, also Halsabschneidern und Handlangern der Unterdrücker essen? Okay, nachplappern kann ich das gut. Jesus von Nazareth isst mit Zöllnern und Sündern. Ich habe mich daran gewöhnt, dass Jesus Fresser und Säufer genannt wurde. In meinem konkreten Leben lebe ich vermutlich wie ein Pharisäer unter normalen und anständigen Menschen. Und das wird sich kaum ändern. Wir kennen Fastenzeiten, keine kirchlichen Fresserzeiten.
Doch eines kann ich aus dieser Evangeliumsstelle aufnehmen und übernehmen. Jesus sieht nicht einen Zöllner und Sünder – so sprechen Pharisäer. Jesus sieht einen Mann mit Namen, Matthäus. Jesus geht auf ihn zu und beruft Matthäus zur Nachfolge. Und! Matthäus stand auf und folgte ihm nach. Zum zweiten Mal wird der Mann mit Namen genannt – und was in der Bibel zwei Mal genannt wird, ist sehr wichtig, habe ich in der Bibel-Auslegung gelernt. Und ohaläz. Matthäus steht auf und folgt und lädt alle zum Essen ein. Jesus sagt nirgends, dass Matthäus kein Zöllner oder Sünder sei. Er sieht aber einen Menschen, Matthäus, und dessen offenes und bereitwilliges Herz.
Papst Franziskus kommt mir in den Sinn: Mir ist eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Strassen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Hätte ich den Mut zu dieser verbeulten Kirche zu gehören? Hätte ich den Mut, mit Jesus von Nazareth mich von Zöllnern und Sündern einladen zu lassen, sie dabei als Menschen mit Namen, mit eigener Berufung und mit gastfreundlichem Verhalten wahrzunehmen? Nicht ich handle, aber sie handeln. Vielleicht ist das die Antwort auf Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! und Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken? Da hat meine Selbstgerechtigkeit, meine Überheblichkeit keinen Platz.
Ach ja, im KI-Zeitalter eine Inhaltserweiterung: Ich fragte die KI nach der Bundesrätin, die in meiner Erinnerung gesagt haben soll Wer arbeitet, bekommt schmutzige Hände. Die KI-Antwort finde ich gar nicht schlecht:
Der Spruch Wer arbeitet, bekommt schmutzige Hände ist eine umgangssprachliche Anspielung auf die Theorie der «schmutzigen Hände» in der Politik. Diese besagt, dass politische Verantwortung und moralische Unschuld auf Dauer unvereinbar sind: Wer Macht ausübt oder Entscheidungen trifft, muss oft Kompromisse eingehen und handelt dabei nicht immer moralisch einwandfrei – selbst wenn die Absicht gut war. seniorweb.ch.
Im Kontext des Bundesrats Schweiz könnte der Ausdruck darauf hinweisen, dass Regierungsmitglieder trotz bester Absichten in politische oder ethische Dilemmata geraten, die sie nicht immer makellos lösen können. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Theaterstück Die schmutzigen Hände von Jean-Paul Sartre, das die moralischen Konflikte von Macht und Verantwortung thematisiert. seniorweb.ch www.nzz.ch.
Eine einleuchtende und erweiternde Antwort. Danke. Ach ja, Dialog mit der KI. Meine Anschluss-Frage an die KI: Und auf Jesus von Nazareth gemünzt?
KI: Der Ausdruck “Wer arbeitet, bekommt schmutzige Hände” wird manchmal auch im übertragenen Sinne auf Jesus von Nazareth bezogen – allerdings nicht wörtlich, sondern als symbolische Anspielung auf seine menschliche Seite und seine aktive Rolle im öffentlichen Leben.
Mögliche Deutungen im Kontext Jesu:
1. Menschlichkeit und Handeln:
Jesus wird im Neuen Testament als jemand beschrieben, der aktiv in die Welt eingriff – durch Lehren, Heilen, Konflikte mit Autoritäten und praktische Nächstenliebe. Diese aktive Rolle erforderte oft Kompromisse oder schwierige Entscheidungen, die nicht immer “rein” oder unumstritten waren. In diesem Sinne könnte der Spruch darauf hinweisen, dass Jesus durch sein Handeln “schmutzige Hände” bekam – nicht im wörtlichen Sinne, sondern als Metapher für menschliche Verantwortung und moralische Ambivalenz.
2. Gegenüberstellung von Reinheit und Engagement:
Einige theologische Interpretationen betonen, dass Jesus zwar als “Lamm Gottes” (rein, ohne Sünde) galt, aber gleichzeitig als handelnder Mensch in einer “schmutzigen” Welt agierte. Sein Einsatz für die Armen, Kranken und Ausgegrenzten erforderte oft, sich mit den “schmutzigen” Realitäten der Gesellschaft auseinanderzusetzen – sei es durch Kritik an den Mächtigen oder durch praktische Hilfe, die mit Vorurteilen oder Widerstand konfrontiert war.
3. Kritik an Heuchelei:
Der Spruch könnte auch eine Aufforderung zur Ehrlichkeit sein: Wer handelt, macht Fehler oder muss sich mit den Konsequenzen seines Handelns auseinandersetzen. Jesus selbst kritisierte oft die Heuchelei der religiösen und politischen Elite seiner Zeit (z. B. in den Evangelien, Mt 23). In diesem Sinne wäre der Spruch eine Erinnerung daran, dass wahres Engagement immer auch mit “schmutzigen” Kompromissen oder Herausforderungen verbunden ist – und dass Reinheit nicht in der Abwesenheit von Handeln, sondern in der Integrität des Handelns liegt.
Fazit:
Der Spruch ist keine direkte biblische Aussage, aber er lässt sich als metaphorische Reflexion über Jesu Menschlichkeit und sein aktives, oft konfliktbehaftetes Wirken lesen. Er betont, dass wahres Handeln – sei es in Politik, Religion oder Alltag – immer auch mit Herausforderungen und moralischen Grauzonen verbunden ist.
Liebe Jesus-Nachfolger und Nachfolgerinnen
Das Tages-Evangelium hat mich primär zu Fragen, Anfragen an mich, vielleicht auch an Sie, animiert. Lassen wir uns von Jesus Handeln, aber auch vom konkreten Leben in Frage stellen. Vielleicht reicht es zu wissen, zu hören: Adrian, folge mir nach – und vielleicht finde ich mich bei einem Essen, mit IHM, Jüngern und Sündern. Und selbst Franz von Assisi hätte sich bei den Sündern eingeordnet, wie übrigens Papst Franziskus auch. Wichtige Erkenntnis und Hoffnung aus dem heutigen Evangelium also. Matthäus, Adrian, Ihr Name, folge mir nach und handle. Amen.